WIE DAS "SOMMERSINGEN" IN SCHLESIEN AUFKAM

(Quelle: Sagen aus Schlesien, Herausgegeben von Oskar Kobel, Nr. 1, gefunden im Internet)

>>Micislaus, der Sohn des Herzogs von Schlesien und Polen, war bis zu seinem siebenten Lebensjahre blind gewesen, dann aber, als man ihm nach damaliger Sitte zum ersten Male das Haupthaar abschnitt, wieder sehend geworden. Als er zum Jünglinge herangereift war, erhob er seine Augen zu Dombrowka, der Tochter des Königs von Böhmen. Sie aber war Christin, während Micislaus noch Heide war. Sicher hätte die schöne Böhmin nie einen Heiden geheiratet. Darum rieten viele in Gnesen wohnende Freunde, die bereits Christen geworden waren, dem Sohne ihres Herzogs, auch zum Christentume überzutreten. Dann werde Dombrowka bestimmt seiner Werbung freundlich zustimmen, und seine Ehe werde vom Glück begünstigt sein.
Dem jungen Prinzen leuchtete das ein. Er vermählte sich am Sonntag Lätare, dem 16. März des Jahres 965, mit der geliebten Braut und trat gleichzeitig zum Christentume über.
Als er die Herrschaft über sein Reich angetreten hatte, befahl er seinen Untertanen, gleichfalls Christen zu werden und sofort alle Götzenbilder mit Schimpf und Spott zum Tore hinauszuschleppen und in die Sümpfe zu versenken. Auch gab er den Befehl, alle Jahre an diesem Sonntage Lätare Puppen, die ihre alten Götzen darstellen sollten, hinauszutragen und so in ihnen den Tod des Heidentums zu vertreiben. So trug man am Sonntag Lätare die Götzenpuppen hinaus und sang dazu Lieder, die den Sinn der Handlung wiedergeben sollten. Eines dieser Lieder lautet:

  Woas troan mir, woas troan mir,
A lebendiga Tud begroaba wir,
Wir begroaba ihn under die Tunne,
Doaß scheint die liebe Sunne.

Dieser Brauch hat sich bis heute, namentlich in den niederschlesischen Gauen erhalten. In dem Tode, den man hinaustreibt, glaubt man auch den Wintertod zu Grabe zu tragen. Und so verkündet der Sonntag Lätare für das wintermüde, nunmehr hoffnungsfreudig gewordene Volk sozusagen den Beginn der wärmeren Zeit. Darum nennt man den Sonntag Lätare auch den Sommersonntag und den Brauch, an diesem Tage mit geschmückten "Sommerbäumen" frohe Umzüge zu veranstalten, wobei ernste und scherzhafte Lieder gesungen werden, das Sommersingen. Eines dieser Lieder sei hier angeführt:

  Den Winter haben wir hinausgetrieben,
Den lieben Sommer bringen wir wieder,
Den Sommer oder Maien,
An Blümlein vielerleien,
An Blümlein vieler Zweigelein;
Der liebe Gott wird bei uns sein,
Er wird auch bei uns wohnen,
Dort oben in den Kronen,
Dort oben in der Seligkeit,
Da ist der Frau der Stuhl bereit,
Dort oben soll sie sitzen,
Sie wart't auf Jesum Christen.
Ein Schock, zwei Schock,
Hundert Taler Vorrat!

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SOMMERSINGEN - ein vergessener Brauch

(Von Walter Reiprich, gefunden im Internet)

>>Wie alle deutschen Stämme, so pflegt auch der Volksstamm der Schlesier einiger seiner alten Bräuche in die Gegenwart hinein, auch wenn seine Menschen als Siedlungsgemeinschaft auseinander gerissen wurden und verstreut in anderen Kulturlandschaften leben müssen. Ein volkstümliches Brauchtum ist es, wie auch woanders geübt wird, nur in verschiedenen Form und Gestalt. Wir brauchen nur an Dreikönige zu denken, an Fastnacht, Johannisfest und Kirmes oder an die drei großen religiösen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Alles Brauchtum ist zumeist ein bäuerliches Brauchtum, hauptsächlich in der germanischen Frühzeit wurzelnd, das dann später von der Kirche, soweit sie es duldete, übernommen und umgestaltet wurde. Daran knüpfte der Kirchenbrauch, so daß sich die Grenzen von heidnischen und christlichen Handlungen bald verwischten, sollten doch alle diese Feste im Ablauf eines Jahres nichts anderes bezwecken, als den Menschen Nutzen zu bringen und alles Böse oder Schädigende fernzuhalten. Einer der schönsten Bräuche in Schlesien, besonders von den Kindern geliebt und gefeiert, war das Sommersingen, in der Mundart "Summer" genannt: ursprünglich ein symbolhafter Vorgang, den wir im Westen Deutschlands in der Form des Wettstreits zwischen Sommer und Winter vorfinden. Ich erinnere an die Sonntagszüge mit Butzenpaaren aus Tannenreisig und Stroh, wie wir einen auch in Heidelberg kennen. Mit bunten Bändchen, Fähnchen und Papierrosen soll der Winter vertrieben werden.In Schlesien blieb mit den Jahren nur die positive Seite übrig: das Bringen des Sommers. Früh schon zogen die Kinder am Sonntag Latäre mit ihren bunten Sonntagsstecken, denen der hiesiegen Gegend ähnlich, nur ohne Brezel und Ei, in Rudeln von Haus zu Haus oder von Stockwerk zu Stockwerk, um mit ihren Liedern und Versen um eine Gabe zu bitten.

  Summer, Summer, Summer,
ich bin a klenner Pummer,
ich bin a klenner Keenich,
gatt mer nich zu wenich,
lußt mich nich zu lange stiehn,
ich muß a Häusla wettergiehn.

Sobald die Tür aufging, die Frau des Hauses heraustrat und jedem in sein weißes Säckchen eine Brezel, ein Ei, ein "Beegla" (ein ringförmiges Schaumgebäck) oder "eenen Blehma" (ein Zehnpfennigstück) gleiten ließ, strahlten die vor Eifer und Erregung erhitzten Gesichter, sofort stimmte eines der Kinder an:

  Die goldne Schnur geht um das Haus,
die schöne Frau Wirtin geht ein und aus,
sie ist wie eine Tugend, ja Tugend.
Wenn sie morgen früh aufsteht
und in die liebe Kirche geht,
da setzt sie sich an ihren Ort
und hört gar fleißig Gottes Wort.

Kam gar der alte Herr des Hauses heraus, schallte es ihm fröhlich entgegen:

  Derr Herr, der hat`n hohen Hutt,
dem sein ja alle Madel gutt.
A wird sich wohl bedenken,
zum Summer uns was schenken.

Der Herr schmunzelte und steckte jedem Kind zwei Beegla in sein Säckchen. Und weiter ging es zum Nachbarn, dem "Nupper". Selbst über die kleinste Gabe freuten sich die Kinder. Neid kannten sie nicht. Nur..... jedes hätte gern das vollste Säckchen heimgetragen. Lebten zwei Nachbarn in Streit miteinander, so hatten die Sänger den Nutzen davon, denn vom letzten der beiden, der sie besuchten, erhielten sie meistens die doppelte Menge. Obwohl der Winter in Schlesien früher beginnt und strenger und länger regiert als hier im Westen Deutschland, war der Schnee bis zum Sommertag immer getaut. Kahl und traurig standen die Bäume und Sträucher in den Anlagen, als schämten sie sich ihrer Blöße. Nur über die Wiesen breitete sich ein erster Schleier von zartem Grün. Und blies gerade ein neckischer Wind mit vollen Backen durch die Straßen, durften die Mädchen schon an Lätare schon ein duftiges Sommerkleidchen anziehen, farbig und geblümt, daß es so richtig zum bunten Sommerstecken paßte. Die Jungens allerdings trugen seit Wochen kurze Manchesterhosen und zeigten stolz ihre nackten Knie. Selbstverständlich wurde auch vor den Häusern des Bürgermeisters und des Herrn Lehrers gesungen, der die Kinder einige der Lieder gelehrt hatte, wie das schöne:

  Rot Gewand, rot Gewand, schöne grüne Linden,
suchen wir, suchen wir, wo wir etwas finden;
gehen wir in den grünen Wald,
sing`n die Vögel jung und alt.
Frau Wirtin sind sie schon drinne,
wir hören ihre Stimme.
Sind sie drin, so komm`n sie raus
und teilen uns den Sommer aus.
Rot Gewand, rot Gewand, schöne grüne Linden.

Oder das:

  Rute Riesla, rute Riesla wachsa uff`m Stengel,
der Her is schien, der Her is schien,
die Frau is wie a Engel.
Derr Herr, der hoot ne huhe Mütze,
der hoot se vuul Dukoata sitza,
a watt sich wull bedenka
und watt mer wull woas schenka.

Rute Riesla heißt auf Hochdeutsch: Rote Rosen. Immer wieder wurden zur alten Melodie Verse dazu gedichtet. Die zweite Strophe von "Rute Riesla" lautet:

  Die Frau, die hoot a ruta Rook,
die greift wull ei a Eeertoop,
sie watt sich wull dedenka,
und uns a Eela schenka.

Städtler und Dörfler gehen nicht unvorbereitet in den Sommersonntag. Besonders wer viele Kinder in der Verwandtschaft wußte, rechnete mit einem starken Besuch und hatte sich rechtzeitig mit Süßigkeiten und Kleingeld eingedeckt. Die Bäcker hatten schon Tage vorher angefangen "Beegla" zu backen, ein Schaumgebäck, das das Jahr über sonst nicht gefragt war, ähnlich den Martini - Hörnchen, die zu Martini angeboten wurden. Nicht selten kam es vor, daß den Kindern niemand öffnete. Da halfen die schönsten Lieder, ja die witzigsten Verse nichts; und es blieb ihnen weiter nichts übrig, als ihem Unmut darüber mit folgenden Worten Luft zu machen mit:

  Hiehnermist, Taubamist,
ei dam Hause kriggt ma nischt,
is doas nich `ne Schande
ei dam ganza Lande !

Geizhols, Geizhols,
friß ock olls, friß ock olls!
Wenn de wirscht gesturba sein,
warn de Kroocha tichtig schrein -
Geizhols, Geizhols !

Gegen Mittag kehrten die Kinder todmüde heim, schließlich waren sie schon seit 7 Uhr früh unterwegs gewesen. Stolz öffneten sie dann das Säckchen und leerten den Inhalt auf den Tisch dann aus. Dabei gab es manche Überraschung. Nicht nur in Form von Buntstiften oder Heften. Im Eifer war man mit dem Säckchen unvorsichtig umgegangen. Dabei war eines der Eier, eine besondere Kostbarkeit unter den Gaben, gesprungen und ausgelaufen, oder die Lakritze hatte mit dem Schreibheft Bekanntschaft geschlossen. Die Tränen, die sich dann einstellten, wurden tapfer unterdrückt, denn zu viele schöne Dinge gab es zu bewundern, die ein Kinderherz höher schlagen lassen. Vater und Mutter mußten an die Freude mit teilnehmen. Ganz rot vor Glück war das Gesicht des Kindes dabei; und am Abend beim Schlafengehen träumte es bereits vom "Summer" im nächsten Jahr. Unvergessene, glückliche Kinderzeit in Schlesien. <<